Die Identitäre Bewegung

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Mülleimer mit Aufkleber.

Zu meiner großen Erschütterung entdeckte ich heute morgen einen schwarz-gelben Aufkleber mit der Aufschirft „WEHR DICH – ES IST DEIN LAND“ auf einer Mülltonne in der Innenstadt Hamelns. Verantwortlich dafür zeigt sich eine „Identitäre Bewegung“. Mir stellte sich sogleich die Frage, was uns der Autor dieser Nachricht damit sagen möchte. Was für eine Bewegung ist das, die mit Sprüchen der Marke NPD Werbung für sich macht? Eine Spurensuche.

 

Die Spur: Der Aufkleber

Die Botschaft erscheint in Form eines anonymen Aufrufes. Ein kontrastreiches Farbdesign und die Platzierung im Mittelpunkt der Mülleimerseite macht den Aufkleber deutlich sichtbar. Der Ort scheint bewusst gewählt und macht eine Vorliebe für das Extreme erkennbar. Auch eine Zuneigung zu diesem Nutzobjekt voll Müll und Dreck ist denkbar.

Die Farbkombination aus Schwarz und Weiss zeigt, dass der Ersteller eine besondere Vorliebe fuer klare Zuordnungen hat. Es scheint für ihn wenig Vielfalt zu geben; alles muss in diese zwei Kategorien eingeteilt werden. Die Tatsache, dass das Wort "DICH" jedoch abgehoben und im Gegensatz zu den restlichen Buchstaben senkrecht in gelber Schrift erscheint, weist in Kombination mit dem Stilmittel der Großschreibung auf eine Dringlichkeit und einen möglichen Hilferuf hin. Der Betrachter wird direkt angesprochen und soll sich, begleitet vom stinkend authentischen Geruch der Mülltonne, diesem Ruf hingeben.

Eine enorme Nötigkeit nach anderen Leidensgesinnten scheint gegenwärtig, die, den fallenden Buchstaben dieser Anrede zufolge, allerdings sogleich in ihrer Person zu Fall gebracht werden sollen.

Der Künstler scheint seinen eigenen Hilferuf nicht wahrhaben zu wollen und verdrängt dies geschickt hinter seinem eigenen Bewusstsein. So kann es kein Zufall ein, dass die Schrift im Kleber nicht waagerecht, sondern schräg nach oben verläuft. Einerseits zeigt dies eine starke Instabilität, da die dazugehörige Kompositionslinie eben aufwärts geht, aber keine Gegenlinie als Ausgleich hat, andererseits ist solch ein Aufstieg auch immer mit einer Positivierung verbunden.

Unsicherheit und die Steigung des Positiven lassen an dieser Stelle auf den Wunsch nach Besserung hindeuten. Trotz Dringlichkeit und Aufmerksamkeitssuche, ist demnach eine starke Sehnsucht und der Glaube an eine Verbesserung vorhanden. Hier ist zu erkennen, dass der Kuenstler sich seiner selbst nicht sicher ist und starke Zweifel in seinem Unterbewusstsein aktiv mit seiner sich selbst erdachten Überzeugung kämpfen. Realitätsverlust könnte eine Folge dessen sein.

Um dies nun weiter zu analysieren, sind hier folgend einige der Thesen in ihrer Originalform aufgelistet und untersucht.

Themen dieser „Identitäre Bewegung“? - Zitate und Entgegnungen

Zitat: „Entwurzelt und orientierungslos habt ihr uns in diese Welt geworfen, ohne uns zu sagen wohin wir gehen sollen, wo unser Weg liegt. Und alles was uns Orientierung hätte geben können, habt ihr zerstört.“

Entgegnung: Schon wieder die Suche nach einem Führer, der sagt, wo es in das Verderben geht?

Zitat: „Die Religion habt ihr zertrümmert und so finden nur wenige von uns in den Trümmern dieser Gesellschaft noch Zuflucht.“

Entgegnung: Ich weiß nicht von welcher Religion an dieser Stelle die Rede sein soll? Christentum, Judentum und Islam erfreuen sich bester Gesundheit.

Zitat: „Ihr habt euch selbst eine Utopie versprochen, eine friedliche, multikulturelle Gesellschaft des Wohlstands und der Toleranz. […] Und im Namen eurer Toleranz jagt ihr alle, die euch kritisieren und nennt dabei die Gejagten intolerant. Wir haben es so satt!“

Entgegnung: Es gibt da so etwas, das Grundgesetz genannt wird, und die Grundlage und Werte der Bundesrepublik Deutschland darstellt. Wer sich gegen diese Grundlagen und Werte stellt, darf sich nicht wundern, dass er nicht mit Samthandschuhen angefasst wird.

Zitat: „Es wird immer Kriege geben, immer Arme, immer Unterdrückte. Die Welt wird niemals ein Paradies auf Erden sein. Mit euren Wahnvorstellungen habt ihr nur eines geschafft: Ihr habt eure Kinder entwurzelt. Wir sind die Verlorenen, die Heimatlosen.“

Entgegnung: Das Paradies auf Erden wird es wohl nicht geben, deshalb muss mann allerdings keine Kriege führen, Armut erzeugen oder andere Menschen unterdrücken. Genau das sind die Ursachen für Unglück, Familienverlust und Heimatlosigkeit.

Zitat: „Unsere Geschichte, unsere Heimat und unsere Kultur geben uns, was ihr uns genommen habt. Wir wollen nicht Bürger der Welt sein, denn wir sind mit unserer eigenen Heimat glücklicher. Wir wollen kein Ende der Geschichte, denn unsere Geschichte gibt uns keinen Grund sie zu beklagen.“

Entgegnung: Das Ende der Geschichte ist bei den Hegelianern Marx und Engels das Ende der Unterdrückung des kleinen Mannes. Wer also in diesem Sinn eine Fortsetzung der Geschichte will, will die Unterdrückung.

Zitat: „Uns Identitären geht es um den Erhalt unserer ethnokulturellen Identität, die heute durch den demographischen Kollaps, die Massenzuwanderung und die Islamisierung bedroht ist. Wir lieben unser Land und stehen zu unserer Tradition. Wir sind Patrioten. Als Patrioten können wir unser Heimat in der Stunde der Gefahr nicht im Stich lassen.“

Entgegnung: Zum demographischen Kollaps: 1990 waren von der Gesamtbevölkerung 38,4 Prozent unter 30 Jahren. Diese Zahl verringerte sich bis in 2010 auf 30,6. Der Anteil der Menschen zwischen 30 und 60 Jahren veränderte sich leicht von 41,2 auf 43,1 Prozent. Der Anteil der über 60-Jährigen erhöhte sich von 20,4 auf 26,3 Prozent. Die Gesellschaft ist also im Ganzen lediglich älter geworden und weit weg davon auf Grund der hohen Anzahl alter Menschen zu kollabieren.

Zur Massenzuwanderung: In Deutschland leben nach dem Statistischen Bundesamt 80.219.695 Menschen. Davon sind 74.050.320 „Deutsche“ und 6.169.360
„Nichtdeutsche“, welches einer Quote von 7,7 Prozent an der Gesamtbevölkerung entspricht. Im Jahr 1990 waren von der Gesamtbevölkerung, diese betrug damals 79.753.227, 7,0 Prozent Nichtdeutsche, was in Zahlen 5.582.357 sind. 1996 erreichte die Quote an Nichtdeutschen den aktuellen Wert von 9,1 Prozent, da auf die Gesamtbevölkerung von 82.012.162 Menschen 7.491.650 Nichtdeutsche kamen. Dazwischen nahmen die Zahlen leicht ab. Eine sich nicht groß verändernde Quote, die zwischen 7 und 9 Prozent hin- und herpendelt, entspricht keiner Massenzuwanderung, in der sprunghaft Zahlen nach oben schnellen.

Zur Islamisierung: Derzeit leben etwa rund 3 Millionen Muslime und ca. 50 Millionen Christen in Deutschland. Auf die Gesamtbevölkerung gesehen von rund 80 Millionen Menschen ist das eine Quote von 3,75 Prozent für Muslime sowie 62,5 Prozent für Christen. Nur weil Mitglieder einer Glaubensgemeinschaft in Deutschland ein Gotteshaus erbauen, heißt das längst noch nicht, dass diese mit diesem sichbaren Symbol auch die Regierungsmacht im Land übernimmt. Vielmehr ist es ein Zeichen dafür, dass diese Menschen mit ihrem Glaube in der Gesellschaft angekommen und Teil dieser sind. Wer sein Augenmerk nur auf Salafisten oder ähnliche Gruppen richtet, mag schnell den Eindruck gewinnen, dass Angehörige des Islam zur Gewalt neigen und einen Gottesstaat errichten wollen. Die vielen friedlichen Glaubensanhänger des Koran werden hier einfach unter die radikalen Gruppen subsummiert. Wer derzeit von Außen auf Deutschland blickt könnte auf Grund der Taten des NSU den Eindruck gewinnen, dass Nichtdeutsche aus Xenophobie, Rassismus etc. ohne effektive Strafverfolgung umgebracht werden können.

Zitat: „Als drastischster Erfolg von Multikulti erleben wir heute eine grassierende Islamisierung, deren Bekämpfung unser Hauptanliegen sein muss. Wir müssen dazu den Bürgern das Wesen des Islams und seine Inkompatibilität mit unserer Kultur und unserem Staat aufzeigen.“

Entgegnung: Wenn der Islam inkompatibel sein soll, so ist es auch das Christentum. Hier wird der oberste Führer von einer Versammlung gewählt, deren Mitglieder zuvor von einem anderem Papst ausgewählt wurden. Ist das Demokratie? Die „Gesetze“, die für die katholische Glaubensgemeinschaft gültig sind, kann nur der Papst erlassen und sind nicht von einer anderen Instanz überprüfbar. Ist das Rechtsstaatlichkeit?

Zitat aus „100% Identität – 0% Rassismus“: „Unsere Identität ist für uns das Zusammenspiel aus unserer tradierten Kultur, unserem Bewusstsein, eine homogene, verwandte Gemeinschaft zu sein sowie der gemeinsamen Erinnerung an ihren Weg durch die Zeit. Diese Identität wird lebendig durch unseren Willen, sie auch in die Zukunft fort zu tragen.“

Entgegnung: Willkommen in den Definitionen des 19. Jahrhunderts und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Hier wurde Geschichte so lange geknittert und verfälscht, bis es passte, aber keine Historie mehr war. Hier wurde der Unterschied der Ethnien (Damals wurde in Deutschland noch der Begriff „Rasse“ benutzt.) so lange herausgehoben bis andere Ethnien minderwertig waren.

Fazit

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Ab in den Müll!

Wer hinter die Fassade dieser Bewegung schaut, erkennt schnell, dass nicht nur solche Aufkleber dorthin gehören, wo sie drauf kleben: In den Müll! Es werden Behauptungen aufgestellt, die sich schon beim zweiten Blick als nicht wahrheitsgemäß herausstellen. Aus einer dumpfen und unbegründeten Angst vor fremden Menschen und fremden Religionen heraus, sowie in Fundamentalopposition zur BRD und in einer selbstgeschaffenen Opferrolle, begibt sich diese sogenannte "Bewegung" auf den gleichen Weg wie ihre Großväter oder Urgroßväter vor ihnen: Die Suche nach einem Führer, welcher ihnen die Last des eigenen Denkens abnimmt und sie lenken und leiten möge, bis das Verderben über sie hereingebrochen ist.